Presse: Sichere Bedingungen und Freundlichkeit für Investoren (von Alina Komorek, WZ 11.07.2026)

Am Küchentisch geht es mit OB Scherff und Stefan Kirschsieper um Verbesserungen für Wuppertal
Weil die wirklich wichtigen Dinge nicht in Konferenzräumen oder auf dem Sofa, sondern am Küchentisch verhandelt werden, hat die Bandfabrik zum gleichnamigen Format Oberbürgermeisterin Miriam Scherff und Stefan Kirschsieper, Prokurist der Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaft WPK, eingeladen. Die beiden Gäste sprachen in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Raum bei einer bodenständigen Lauchsuppe und Musik von Saxophonist Jakob Jentgens über große Namen, die Rolle der Kommunalpolitik für die Wirtschaft, über Eindrücke von der Stadt und über Versäumnisse bei der Ausländerbehörde.

Als Stefan Kirschsieper drei Namen nennt, kennt Miriam Scherff zwei – und ordnet sie humorvoll ein: Friedrich Engels als bekanntester Sohn der Stadt, Erfinder der empirischen Soziologie, Ludwig Erhard als Vertreter einer ganz anderen Generation und sehr verschiedenen Sozialpolitik mit markigen Sprüchen. Andreas Trautwein sagt der Oberbürgermeisterin nichts – noch nichts, denn der Geschäftsführer von E/D/E könnte nach dem Küchentisch-Talk bald eine Einladung ins Rathaus bekommen, um den Austausch zwischen Politik und Wirtschaft hier in Wuppertal zu stärken. Was der Oberbürgermeisterin sehr wichtig ist: Sie könne nicht die Weltpolitik ändern, antwortet sie auf Kirschsiepers Frage nach der Rolle der Kommunalpolitik, „aber wir können die Rahmenbedingungen in der Stadt sichern und freundlich gegenüber Investoren sein, sodass sie gern hier sind.“

Dass das Wachstum von Kommunen aufgrund der Stadtgrenzen begrenzt ist, genau wie ihre Macht bei der Bearbeitungszeit von Baugenehmigungsanträgen, erklärt die Oberbürgermeisterin wenig später, als es um das Thema Flächenkonkurrenz geht. „Wir brauchen länger als andere Städte – das liegt aber auch daran, dass wir einen Bauantrag nicht ablehnen, sondern weitere Unterlagen nachfordern. Wir wollen dann verstehen, an welcher Stelle es hakt, um schneller zu werden“, sagt sie in Bezug auf langwierige Verwaltungswege.

Zusammenarbeit mit Nachbarstädten vorantreiben
Und zu den begrenzten Flächen fügt sie spaßend hinzu: „Ich würde jetzt nicht Schwelm und Haan annektieren.“ Vielmehr liege der Fokus auf der Zusammenarbeit mit den Nachbarstädten: Etwa die Bewerbung für das Förderprogramm E-Regionale, über das die Verwaltung modernisiert werden soll, damit die Bergischen Städte beispielsweise gemeinsam Schulmöbel bestellen und durch die Masse sparen können. Auch die Ansiedelung von Unternehmen im Gesundheitsbereich oder Digitale Technologien verfolgt die Oberbürgermeisterin, denn da könne man zum Teil ohne großen Flächenbedarf etwas machen: „Die Frage nach Start-ups, aus denen irgendwann Vorwerk wächst.“ Die Stadt könne bei Flächen – stellvertretend geht es hier um das Kaufhof-Gebäude – aushelfen, indem sie das Risiko übergangsweise trägt und Zwischennutzungen ermöglicht.

Stefan Kirschsieper erfragt, passend zum Kaufhof, die Sicht auf die Innenstadt – hier nimmt Miriam Scherff einen Moment den Blickwinkel einer Nicht-Wuppertalerin ein, die zum ersten Mal vom Hauptbahnhof aus runter über die Poststraße läuft: „Auch, wenn ich noch nie etwas dort gekauft habe, ist das Primark-Gebäude und die Einzelhandel-Führung bis zum Café 23 schon attraktiv – und als Nicht-Wuppertalerin weiß ich auch nicht, dass der Wupperpark Ost schwierig ist.“ Danach beginne eben die Baustellenphase – doch schon ihrer fünfjährigen Tochter bringe Scherff bei, dass Baustellen Investitionen in die Stadt sind. Auf die Frage ihres Gesprächspartners, wann Baustellen eigentlich so schwierig geworden sind, antwortet Scherff, dass die Vergabeprozesse lange brauchen – und auch der Fachkräftemangel spürbar ist. Auch aus diesem Grund wollen die WSW ein Bauunternehmen kaufen, um die städtischen Baustellen zügiger anzugehen.

Beim Gespräch über den Fachkräftemangel betont die Oberbürgermeisterin die Zusammenarbeit mit der Bergischen Uni, mit der Junior Uni und dem Berufskolleg, denn wie Kirschsieper zusammenfasst: „Es geht nicht ohne Ausbildungsberufe.“ Zum Thema Fachkräfte gehört der Beitrag einer Dame aus dem Publikum zur Kampagne „Wuppertal – Wo die Welt zu Hause ist“. Diese findet sie zwar als gelungen, aber sie gehe nicht mit den vielen liegen gebliebenen Anträgen der Ausländerbehörde zusammen. „Als man durch die Reform schneller deutsch werden konnte, kam eine Welle, die uns überrannt hat“, erklärt Oberbürgermeisterin Scherff, die sich immer machtlos fühlt, wenn sie täglich mehrere Dutzend Briefe von Menschen bekommt, die um ihre Existenz fürchten, weil sie schon jahrelang auf eine Genehmigung warten. Das liege daran, dass ein Sachbearbeiter in Wuppertal doppelt so viele Menschen betreuen muss wie in anderen Kommunen, doch diese Stellen seien bald besetzt, sodass die Welle abgearbeitet werde. Und auch die Wartesituation bei der Ausländerbehörde soll sich durch ein Terminsystem verkürzen.

Die Internationalität sieht Scherff – auch und besonders für die Wirtschaft – als deutlichen Vorteil.

Nicht nur, weil sie bei Community-Festen immer sehr nette Menschen und köstliches Essen kennenlerne, sondern auch, weil sie sich ohnehin fragt, was „denn bitte deutsch“ sei, außerdem sei die Wirtschaft auf Fachkräfte mit Migrationshintergrund angewiesen.

Stefan Kirschsieper wiederum fände es toll, wenn die vielfältige Unternehmerschaft der Stadt auch bei den Vollversammlungen beispielsweise der IHK sichtbar würde – vielleicht wird sie demnächst auch eingeladen, um mit der Oberbürgermeisterin über die wirtschaftliche Lage der Stadt zu sprechen. Am Küchentisch oder doch im Rathaus.

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