Klassik am Rand-Logo 14.06.2026

In der vollbesetzten morgendlichen Bandfabrik gab es musikalische Leckerbissen mit dem ensemble50: Ihr Programm Stell Dir vor … machte die oft übersehenen schöpferischen Beiträge von Komponistinnen in der Musikgeschichte und der Gegenwart sicht- und hörbar. Es präsentierte ein Plädoyer für mehr Vielfalt, weg von männlich dominierten Programmgestaltungen, hin zu einer diverseren Musiklandschaft. Das Publikum nahm die Einladung, Musikgeschichte aus weiblicher Perspektive neu zu entdecken, begeistert an.

Zu jedem Stück und dessen Komponistin gab es im Sinne des Bildungsauftrags der Bandfabrik von Eva Högel spannende und interessante Hintergrundinformationen. Damit wurde es dem Publikum ermöglicht, das Gehörte in die verschiedenen Zeiten, Orte und Umstände der Entstehung einzuordnen.

Die Erzählung zu den gespielten Stücken finden Sie weiter unten auf dieser Seite (hinter der Fotogalerie).

ensemble50: Der Name ist Programm. Er steht für die weibliche Hälfte der Musikwelt und für die Vision einer gleichberechtigten Repräsentation von Komponistinnen im klassischen Konzertbetrieb.

Die Menschen darin sind:
Eva Högel (Violine): Sie studierte an der HfM „Hanns Eisler“ Berlin und am CNSMD Lyon. Die Preisträgerin des Bundeswettbewerbs „Jugend Musiziert“ widmet sich neben dem klassischen Repertoire intensiv der historischen Aufführungspraxis sowie der zeitgenössischen Musik. Seit 2013 lebt sie in Wuppertal und ist aktuell Mitglied der 2. Violinen im Sinfonieorchester Wuppertal. Ein besonderes Anliegen ist ihr die leidenschaftliche Musikvermittlung und die Förderung des musikalischen Nachwuchses.
Rafael Catalá Salvá (Gambe, Violoncello): Er blickt trotz seines jungen Alters auf eine beeindruckende internationale Laufbahn zurück. Der mehrfache Wettbewerbssieger studierte in Graz und vervollkommnet sein Spiel aktuell im Masterstudium an der HfM Saar. Neben seiner Tätigkeit als Akademist der Deutschen Radio Philharmonie trat er als Solist und Kammermusiker weltweit auf, darunter bei den Salzburger Festspielen und in der Nationalphilharmonie Warschau. Aktuell wurde er zur Verstärkung des Wuppertaler Symphonieorchesters Wuppertal beim spektakulären Abschiedskonzert (Mahlers 6.) von GMD Patrick Hahn berufen.
Jee-Young Phillips (Klavier): Sie erhielt ihre Ausbildung am Seoul-Art-Gymnasium in Korea und schloss ihr Studium an der Hochschule für Musik und Tanz Köln (Standort Wuppertal) mit dem Konzertexamen mit Auszeichnung ab. Die Preisträgerin internationaler Wettbewerbe konzertiert weltweit als Solistin, Liedbegleiterin und Kammermusikerin, was durch zahlreiche CD-Produktionen dokumentiert ist. Heute gibt sie ihr Wissen als Dozentin bei internationalen Meisterkursen sowie als hauptamtliche Dozentin an der Musikhochschule Köln/Wuppertal weiter.

Élisabeth Jacquet de la Guerre (1665 - 1729): SONATA No. 2 pour la Violon et pour la Clavecin

Paris zu Beginn des 18. Jahrhunderts: In einer eleganten Wohnung im Herzen der Stadt versammelt sich die Pariser Gesellschaft zu einem außergewöhnlichen musikalischen Abend. Im Zentrum des Geschehens steht eine Frau an ihrem Cembalo: Élisabeth Jacquet de la Guerre. Wenn man ihren Salon betritt, lauscht man den kunstvollen Klängen ihrer 2. Sonate aus ihrer berühmten Sammlung von sechs Sonaten – ein Werk, das sie nicht nur meisterhaft komponiert, sondern durch eigenständige Veröffentlichung und geschickte Vermarktung auch selbstbewusst in die Öffentlichkeit getragen hat.

Der Weg dorthin war beispiellos. Bereits als Kind wurde Élisabeth Jacquet de la Guerre als musikalisches Wunderkind bestaunt. Ihre außergewöhnliche Begabung führte sie direkt an den Hof des Sonnenkönigs Ludwig XIV. Unter der persönlichen Förderung des Königs entwickelte sie sich zu einer der berühmtesten Virtuosin ihrer Zeit am Cembalo. Zeitgenossen zögerten nicht, sie bewundernd als die „größte Musikerin ihrer Epoche“ zu bezeichnen.

Doch Jacquet de la Guerre war nicht nur eine Ausnahme-Interpretin, sondern auch eine Vorreiterin der Emanzipation. Sie löste sich aus den engen Strukturen des streng reglementierten höfischen Musikbetriebs und baute sich in Paris eine unabhängige Existenz auf. Ihr privater Salon wurde zu einem der wichtigsten kulturellen Treffpunkte der Stadt, in dem sie als freischaffende Künstlerin agieren konnte.

Ihre Kompositionen, insbesondere ihre wegweisenden Sonaten, spiegeln diesen unkonventionellen Geist wider. In ihnen gelingt ihr eine geniale Synthese der beiden dominierenden Musikstile der Zeit: Sie kombiniert die traditionelle, hochelegante französische Hofmusik mit den damals hochmodernen, leidenschaftlichen italienischen Einflüssen.

Diese stilistische Verschmelzung zeigt sich deutlich in der Struktur ihrer Werke: Sie nutzt die viersätzige italienische Sonatenform, verwebt diese jedoch geschickt mit den typisch französischen Tänzen. Es entsteht ein lebendiger, teils dramatischer Dialog zwischen Soloinstrument und Begleitung. Komponiert ursprünglich für Violine und Cembalo (heute mit Gambe), übernimmt die Gambe hierbei nicht nur die Rolle des Generalbasses, sondern tritt der Violine als gleichwertige Außenstimme gegenüber. Wer diese Stücke gespielt auf Nachbauten historischer Instrumente hört, wird unmittelbar in die faszinierende, intime Klangwelt des barocken Pariser Salons zurückversetzt.

Mari Therese Paradis (1759 - 1824): FANTAISIE pour le piano-forte (G-Dur) – gespielt von See-Jeong Philips

Wien zu Beginn des 19. Jahrhunderts: In einem eleganten Salon hat sich eine illustre, musikbegeisterte Gesellschaft zu einem privaten Hauskonzert eingefunden. Im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit sitzt eine Frau am Klavier und zieht das Publikum völlig in ihren Bann. Das Erstaunliche: Sie spielt vollkommen ohne Noten. Schnell wird den Anwesenden klar, dass die Künstlerin augenscheinlich blind ist. Es ist Maria Theresia Paradis, die an diesem Abend ihr neuestes Werk präsentiert – die faszinierende Fantasie G-Dur.

Zu diesem Zeitpunkt ist die Komponistin bereits Ende 40 und blickt auf eine beachtliche, internationale Karriere als Klaviervirtuosin und Tonschöpferin zurück. Schon im frühen Kindesalter im Alter von wenigen Jahren erblindete sie. Doch ihre Welt war alles andere als dunkel, sie war voller Klänge: Mit etwa sieben oder acht Jahren entdeckte sie das Klavierspiel für sich und machte so rasante Fortschritte, dass sogar die österreichische Kaiserin Maria Theresia auf sie aufmerksam wurde und die junge Künstlerin fortan finanziell förderte.

Da Paradis keine Noten lesen konnte, lernte sie in einer unglaublichen Geschwindigkeit rein nach dem Gehör. Ihr Gedächtnis war phänomenal: Sie speicherte ein Repertoire von über 60 komplexen Klavierkonzerten fehlerfrei ab. Auf ihren ausgedehnten Konzertreisen durch ganz Europa feierte man sie nicht nur für ihre technische Brillanz, sondern vor allem für ihre zutiefst empfindsamen, zu Herzen gehenden Interpretationen.

Obwohl historische Berichte und Aufführungsnotizen belegen, dass Maria Theresia Paradis im Laufe ihres Lebens rund 200 Werke komponiert hat, ist der Nachwelt durch die Wirren der Zeit kaum etwas davon erhalten geblieben. Umso kostbarer ist das musikalische Erbe, das uns vorliegt: Ihre Fantasie G-Dur ist uns glücklicherweise in einer gekürzten Version überliefert.

Das Werk entstand genau an der Epochenschwelle von der Wiener Klassik zur aufkeimenden Romantik. Während es formal den konventionellen Regeln seiner Zeit folgt, bricht Paradis’ einzigartiges Genie in der musikalischen Ausgestaltung durch: Trotz des hohen virtuosen Anspruchs erreicht das Stück eine erstaunliche, emotionale Gefühlstiefe. Überzeugen Sie sich selbst von dieser wiederentdeckten Meisterleistung und tauchen Sie ein in die Klangwelt von Maria Theresia Paradis.

Fanny Hensel (1805 - 1847) und Clara Schumann Clara Schumann (1819-1896): Zwei Welten, eine Leidenschaft

Leipzig im Jahr 1843: Bei einem gemeinsamen Spaziergang tauschen sich zwei außergewöhnliche Frauen aus und klagen sich gegenseitig ihr Leid. Es ist eine Begegnung zweier Genies, die trotz ihrer überragenden Begabung in den engen Fesseln ihrer Zeit gefangen sind – jede auf ihre ganz eigene Art:

Obwohl beide Frauen völlig unterschiedliche Lebenswege gehen, teilen sie das gleiche Schicksal. Fanny Hensel, die fast nur im Verborgenen wirkt, fasst erst kurz vor ihrem frühen Tod im Jahr 1847 den mutigen Entschluss, die Veröffentlichung ihrer eigenen Werke gegen den Willen der Familie voranzutreiben.

Clara Schumann hingegen, die seit ihrer Kindheit als Wunderkind im Rampenlicht der öffentlichen Konzertbühnen steht, kämpft mit verinnerlichten Zweifeln. Beeinflusst vom Zeitgeist hinterfragt sie, ob ein „Frauenzimmer“ überhaupt zur Komposition gewichtiger Werke fähig sei. Nach dem tragischen Tod ihres Mannes Robert Schumann stellt sie ihre eigene Kompositionstätigkeit schließlich komplett ein und widmet sich nur noch der Interpretation.

Was Fanny und Clara jedoch unlösbar miteinander verbindet, ist ihr unbändiger Ausdruckswille. Beide weigern sich, stumm zu bleiben, und entwickeln eine zutiefst eigenwillige Expressivität. Ihre Musik öffnet intime Räume und gewährt uns einen ungeschminkten Einblick in ihre hochkomplexe Gefühlswelt.

In unserem heutigen Programm erleben Sie von beiden Komponistinnen jeweils ein meisterhaftes Kammermusikwerk, besetzt als intimes Duo für Cello oder Violine und Klavier:

Lili Boulanger (1893 - 1918): NOCTURNE pour Piano et Violon

Nachdem wir die romantischen Klanglandschaften Clara Schumanns hinter uns gelassen haben, führt uns unsere musikalische Reise weiter in das Paris des beginnenden 20. Jahrhunderts. Hier begegnen wir einer jungen Frau, deren kurzes Leben von einem beispiellosen Triumph und einer tragischen Zerbrechlichkeit geprägt war: Lili Boulanger.

Wer sie damals besuchte, erblickte eine zarte, von schwerer Krankheit gezeichnete Gestalt. Ihr Gesundheitszustand war oft so instabil, dass sie nur noch im Liegen arbeiten konnte. Doch der Schein trog: In diesem geschwächten Körper wohnte ein kraftvoller, unbeugsamer Esprit. Bis zuletzt diktierte sie ihrer Schwester, der später weltberühmten Musikpädagogin Nadia Boulanger, mit brennender Leidenschaft ihre letzten großen Werke.

Seit ihrer Kindheit war Lili Boulanger chronisch krank – sie litt unter einer Form der Darmtuberkulose (Morbus Crohn), die ihr Immunsystem schwächte. Die allgegenwärtige Vergänglichkeit war daher ihr gedanklicher, ständiger Begleiter und spiegelt sich tief in ihrer Musik wider. Davon einschüchtern ließ sie sich jedoch nie. Im Gegenteil: Im Alter von gerade einmal 16 Jahren traf sie den festen Entschluss, Komponistin zu werden und den renommiertesten Kompositionspreis Frankreichs zu gewinnen – den Prix de Rome.

Was für Frauen der damaligen Zeit als nahezu unmöglich galt, machte sie wahr: Nur sechs Jahre später, im Jahr 1913, gewann sie mit ihrer Kantate Faust et Hélène als allererste Frau den begehrten Grand Prix de Rome. Damit trat sie in die Fußstapfen musikalischer Giganten wie Georges Bizet, Charles Gounod und Claude Debussy, die diesen Preis vor ihr erhalten hatten.

Nach diesem historischen Meilenstein blieben Lili Boulanger nur noch fünf Jahre, die sie – soweit es ihre schwindenden Kräfte zuließen – voller unbändigem Schaffensdrang nutzte. Aufgrund ihres frühen Todes mit nur 24 Jahren hinterließ sie ein schmales, aber ungemein gewichtiges Gesamtwerk.

Ihre Kompositionen sind eigenwillig, fantasievoll und meisterhaft gewebt aus impressionistischen Klangfarben. Ein perfektes Beispiel hierfür ist ihr berühmtes Nocturne. Diese „nächtliche Szene“ ist ein musikalisches Klangfarbengemälde ihrer eigenen, inneren Vorstellungswelt. Geprägt von einer schwebenden, beinahe schwerelosen Textur und einer tiefen, melancholischen Expressivität, zieht das Stück Hörerinnen und Hörer bis heute in seinen Bann und zeigt die visionäre Kraft dieser Ausnahmekünstlerin.

Alice Verne-Bredt (1868 - 1958): PHANTASIE Trio in one movement

Nach unserem nächtlichen Intermezzo verlassen wir das europäische Festland und richten unseren Blick über den Ärmelkanal nach London. Hier begegnen wir einer faszinierenden Allround-Musikerin, die die britische Musiklandschaft maßgeblich prägte: Alice Verne-Bredt.

Sie war nicht nur eine herausragende Pianistin und Geigerin, sondern erwarb sich auch als visionäre Komponistin und leidenschaftliche Pädagogin einen glänzenden Namen. Ein besonderes Herzensanliegen war ihr die musikalische Ausbildung von Kindern, für die sie zahlreiche Werke explizit für den pädagogischen Gebrauch schuf.

Ihren großen kompositorischen Durchbruch feierte sie im Jahr 1908 bei einem prestigeträchtigen Wettbewerb, der ins Leben gerufen wurde, um die zeitgenössische britische Kammermusik gezielt zu fördern. Der Fokus dieses Wettbewerbs lag auf der Wiederbelebung und Pflege der typisch englischen Gattung der „Fantasie“ (bzw. Phantasie). Das Besondere an dieser Form: Das Werk ist einsätzig, bricht jedoch intern in mehrere, möglichst verschiedenartige Abschnitte auf und wird durch eine zyklische Form – bei der Themen später wiederkehren – meisterhaft zusammengehalten.

Mit ihrem brillanten Phantasie Trio stellte sich Alice Verne-Bredt der Konkurrenz und errang – Seite an Seite mit späteren Musikgrößen wie Frank Bridge – den begehrten 4. Preis.

Dass dieses Werk im Laufe des 20. Jahrhunderts fast völlig in Vergessenheit geriet, ist ein historisches Unrecht. Umso stolzer sind wir, Ihnen diese echte Neuentdeckung präsentieren zu dürfen, die viel zu selten im Konzertsaal zu hören ist. Schon der Untertitel des Trios verrät seine immense emotionale Sprengkraft: „Under the light there is darkness“ (Unter dem Licht liegt Dunkelheit). Mit diesem Kontrast erschafft Verne-Bredt eine zutiefst dramatische, packende Klangwelt, die das klassische Kammerkonzert um eine packende Facette bereichert.

Sally Beamish (* 1956): STONE, SALT AND SKY for Violin and Violoncello

Herzlich willkommen zum zweiten Teil unserer musikalischen Reise! Nachdem wir uns bisher intensiv mit inneren Welten beschäftigt haben, widmen wir uns nun der faszinierenden musikalischen Umsetzung äußerer Klangwelten. Unsere Route führt uns dabei quer durch die Geografien und Kulturen von Schottland über die Ukraine und Frankreich bis in die USA.

Den Auftakt dieses Abends macht eine der profiliertesten Frauen der zeitgenössischen Musik: Sally Beamish. Die gebürtige Britin hat vor vielen Jahren Schottland zu ihrer Wahlheimat gemacht. Sie ist eine mehrfach international ausgezeichnete Komponistin, deren visionäres Schaffen wir in diesem Jahr besonders feiern dürfen: Sie begeht 2026 ihren 70. Geburtstag.

Das Duo, das Sie heute hören, ist ein packendes Auftragswerk aus dem Jahr 2021 mit dem poetischen Titel Stone, Salt and Sky. In diesem Stück erzählt Beamish auf faszinierende, lautmalerische Weise von der rauen Landschaft, der unendlichen Weite und der tiefen Kulturgeschichte der schottischen Orkney-Inseln. Die drei Sätze nehmen uns mit auf eine akustische Entdeckungsreise:

1. Satz: Stone (Stein)
Dieser Satz ist den monumentalen, neolithischen Steinkreisen der Inseln gewidmet. Mit archaisch stampfenden Rhythmen und beschwörenden Trompetenrufen lässt die Musik Bilder von uralten Zeremonien und feierlichen Prozessionen unter freiem Himmel lebendig werden.

2. Satz: Salt (Salz)
Hier öffnet sich die Musik für den weiten, salzigen Horizont des Meeres. Beamish schlägt dabei eine faszinierende Brücke zur kulturellen Geschichte der Region und der historischen Verbindung zu Norwegen: In den Streicherklängen blitzt unverkennbar der typische, obertonreiche Klang der traditionellen norwegischen Hardangerfiedel auf.

3. Satz: Sky (Himmel)
Der finale Satz fängt die lebendige, dynamische Energie des Himmels und des kulturellen Austauschs ein. Er ist stark von regionaler Folklore geprägt und verwebt traditionelle maritime Shanties mit den erdigen, mitreißenden Rhythmen von Blues und Bluegrass.

Ein packendes Werk voller Atmosphäre, das die Natur in den Konzertsaal holt!

Maria Baranowa (* 1981): ENCHANTED HILLS from „Atlas of Imaginary Places"

Unsere Reise führt uns nun in die Ukraine der 1980er-Jahre. Hier begegnen wir einem kleinen Mädchen, das stundenlang mit seinen Märchenbüchern am Klavier sitzt und die bunten Bilder der Geschichten ganz intuitiv in eigene, faszinierende Klangwelten übersetzt. Es ist die junge Marina Baranova. Sie besitzt eine seltene, wunderbare Gabe: Die Synästhesie. Für sie sind Töne untrennbar mit Farben verknüpft; beim Spielen und Hören entstehen vor ihrem inneren Auge lebendige, farbenprächtige Landschaften.

Im Alter von 18 Jahren zog Marina Baranova nach Deutschland, um ihre Musikstudien zu vertiefen. Nach einer erfolgreichen und intensiven Karriere als klassische Konzertpianistin spürte sie jedoch immer deutlicher den Wunsch nach einer künstlerischen Kehrtwende: Einer Rückbesinnung auf die Musik, die ganz aus ihr selbst heraus entsteht – jenseits starrer klassischer Vorgaben.

Das glänzende Ergebnis dieser Befreiung ist ihr gefeiertes Album „Atlas of imaginary places“, ein musikalischer Atlas einer ganz eigenen, zauberhaften Fantasiewelt. Das Album vereint Stücke mit fantasievollen, bildhaften Namen wie Diamond DesertClutch oder The Rainbow Bridge.

Aus diesem Zyklus hören Sie heute das Stück Enchanted Hills (Verzauberte Hügel). Meisterhaft zeichnet Baranova hier eine musikalische Landschaft vor unserem inneren Auge: Man spürt förmlich die sanften, welligen Hügel und das warme, goldene Licht eines späten Nachmittags. Das Werk verströmt eine tiefe, unerschütterliche Gelassenheit – eine musikalische Einladung an das Publikum, für einen Moment die Zeit zu vergessen und die Seele einfach baumeln zu lassen.

Mel Bonis (1858 - 1937): SUITE ORIENTALE pour Piano, Violon et Violoncello

Frankreich in der Mitte des 19. Jahrhunderts: In einem strengen, bürgerlichen Elternhaus wächst ein kleines Mädchen heran, das eine unbändige Liebe zur Musik in sich trägt. Da ihre Eltern keinerlei Interesse an ihrer Begabung zeigen, bringt sie sich das Klavierspiel zunächst vollkommen selbst bei. Erst im Alter von 12 Jahren erhält sie endlich ihren ersten systematischen Unterricht. Doch ihr Talent ist nicht aufzuhalten: Nur sechs Jahre später hinterlässt sie einen so tiefen Eindruck bei dem berühmten Komponisten César Franck, dass sie als eine der ersten Frauen überhaupt am renommierten Pariser Konservatorium aufgenommen wird.

Um sich in der damaligen, rein männlich dominierten Musikwelt Gehör zu verschaffen, wählte sie das geschlechtsneutrale Pseudonym Mel Bonis – ihr eigentlicher Name war Mélanie Bonis. Unter diesem Namen schuf sie ein beeindruckendes und hochelegantes Gesamtwerk.

Ein bedeutender Wendepunkt in ihrem Schaffen war die Pariser Weltausstellung im Jahr 1900. Hier kam Mel Bonis erstmals intensiv mit den Klängen und Skalen der orientalischen Musik in Kontakt. Diese Inspirationen verarbeitete sie in ihrer faszinierenden Suite Orientale – einem Werk, das sich wie ein impressionistischer Orientexpress aus Tönen ausnimmt und uns auf eine exotische Reise mitnimmt:

1. Satz: Präludium
Der Eröffnungssatz fängt die morgendliche Atmosphäre des Orients ein. Meisterhaft webt Bonis das musikalische Echo von traditionellen Gebetsrufen in den Satz ein und erschafft so eine meditative, fast heilige Stimmung.

2. Satz: Danse d’Almées
Hier tauchen wir ein in das lebendige Treiben privater Feste und Hochzeiten. Der Satz beschreibt den Tanz der Almées – ägyptischer Tänzerinnen und Sängerinnen –, getragen von betörenden, rhythmischen und schwelgerischen Klangfarben.

3. Satz: Ronde de Nuit (Nachtwache)
Den Abschluss bildet eine dichte, nächtliche Szene. Vor unserem inneren Auge entsteht das Bild müder Wächter auf ihren Runden, während im Schatten der Nacht heimliche Treffen stattfinden und verstohlene Gestalten vorbeihuschen. Ein Satz, der gleichermaßen düster, geheimnisvoll und wunderschön schaurig ist.

Julia Smith (1911 - 1989): TRIO CORNWALL for Violin, Violoncello and Piano

Unsere musikalische Reise führt uns nun über den Atlantik in die USA der 1960er-Jahre. Hier begegnen wir der gebürtigen Texanerin Julia Smith, einer Komponistin, der eine faszinierende stilistische Gratwanderung gelang: In ihren Werken vereint sie einen traditionell tonalen Stil mit den schillernden Klangfarben des Impressionismus und den erdigen Rhythmen der amerikanischen Folk Music.

Ein absolutes Highlight ihres Schaffens ist das packende Trio Cornwall, das im Jahr 1966 entstand. Der Name führt uns allerdings nicht an die raue englische Küste, sondern nach Cornwall-on-Hudson im Bundesstaat New York – ein damals wie heute überaus beliebtes, idyllisches Erholungsgebiet. Inspiriert von der dortigen Natur und Atmosphäre, komponierte Smith ein dreisätziges Werk voller Esprit:

1. Satz: Der Eröffnungssatz fängt die lebendige Naturidylle ein. Julia Smith verarbeitet hier die komplexen, dort am Hudson River gehörten Vogelstimmen und bettet sie in einen ungemein energiegeladenen Satz ein, der von eingängigen, mitreißenden Melodien getragen wird.

2. Satz: Ein echtes Musterbeispiel für Smiths Vorliebe, verschiedene Stile spielerisch miteinander zu verweben. Der Satz basiert auf einem schlichten, unschuldigen Kinderliedthema. Doch dieses wird überraschend durch eine tiefgründige, Blues-ähnliche Episode und ein rhythmisches, temperamentvolles Rumba-Zwischenspiel aufgebrochen.

Finale: Der Schlusssatz zeigt sich von seiner spielerisch ausgelassenen Seite. Er greift die fröhliche Grundstimmung des ersten Satzes wieder auf, wird jedoch zwischendurch von einem launigen, fast humorvollen Zwischenspiel unterbrochen. Den fulminanten Schlusspunkt setzt schließlich eine mitreißende Hoe-Down-Coda – ein rasanter, uramerikanischer Volkstanz, der das Stück in einem wirbelnden Finale enden lässt.

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